Ziehenschule / Frankfurt a. M.

Entwicklung der Ziehenschule nach Schulleitern sortiert

Gründung der Schule Bis zur Jahrhundertwende hält die Entwicklung des Schulwesens mit dem Aufstieg des Vorortes kaum Schritt. Erst 1902 wird für die überfüllte Eschersheimer Volksschule ein neues Schulhaus am Weißen Stein errichtet. Dies genügt dem Bildungsstreben der ringsum siedelnden Stadtbürgerschaft nicht. Im Eingemeindungsvertrag muss die Stadt den Eschersheimern eine höhere Schule zusichern. So wird am 3. April 1913 die Eschersheimer Realschule mit einer Sexta von 26 Jungen eröffnet. Sie wird vorerst im Haus der Heddernheimer Volksschule untergebracht. Bereits im Oktober 1914 ist der prächtige Neubau an der Josephskirchstraße vollendet; nur der Ostflügel fehlt noch.

Erster Weltkrieg: Hunger, Leid und Tote bestimmen den Schulalltag Mitbestimmung für Eltern und Schüler ab 1919

Prof. Max Nierhaus (1913-1914): Er leitet die zunächst nur einklassige Schule wie eine kleine Familie. Maifest und Sedanstag verleben Lehrer und Schüler gemeinsam im Taunus. Man fühlt sich der "preußisch-deutschen Tradition" verpflichtet. Der Kriegsausbruch 1914 zerstört das Idyll. Professor Nierhaus wird eingezogen und fällt im Oktober 1914 bei Lille.

Theodor Mensinger (1914-1916): Im Oktober 1914 beziehen die Schüler das neue Haus. Wegen der Kriegsnot entfällt die Einweihungsfeier. Am 27. Januar 1915 - Kaisers Geburtstag

  • versammeln sich Lehrer und Schüler zum ersten Mal in der Aula. Im weiteren Verlauf des Krieges werden die Feiern in der Aula gedämpfter, wird der Klang der vaterländischen Lieder verhaltener. 1916 wird der Schulleiter eingezogen; er muss zwei Jahre später an der Westfront sein Leben lassen. Oberlehrer Hermann Löwe vertritt ihn für ein halbes Jahr.
Dr. Franz Paehler (1917-1922: Der Krieg geht bald ins vierte Jahr. Hunger und Mangel prägen zunehmend den Alltag. Schulkinder helfen beim Einbringen der Ernte und beim Sammeln von Feld- und Waldfrüchten. Unterrichtsausfall wegen Kohlenmangel. Grippeepidemie. Nach Kriegsende Einquartierung zurückkehrender deutscher Truppen im Schulgebäude. Verwaltungsgeschick und feste Führung wirken der drohenden Unordnung entgegen. Im März 1919 erlangen die Sextaner von 1913 die Mittlere Reife. Am 25. April 1919 wird der Ausbau als Oberrealschule genehmigt: Schwerpunkte der schulischen Arbeit bilden die Fächer des mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereichs und die neuen Sprachen. Seit 1919, auf Geheiß des preußischen Ministers, wird die Schulelternschaft beteiligt; Klassenelternversammlungen werden einberufen und ein Schulelternbeirat gebildet. Im März 1920 wird Direktor Dr. Paehler zum Oberschulrat ernannt und nach Koblenz versetzt. Die Leitung der Schule übernimmt für zweieinhalb Jahre vertretungsweise Studienrat Wilhelm Lohmann. Einem ministeriellen Erlaß folgend, erhalten ab Herbst 1920 die Klassen der Oberstufe "Unterricht in der Reichsverfassung". Im Schuljahr 1921/22 wird die Schulgemeinde errichtet, eine Vorstufe der Schülermitverwaltung: Schüler der Oberstufe bekommen das Recht, Versammlungen einzuberufen und Mitschülern Veranstaltungen anzubieten. Im März 1922 findet die erste Reifeprüfung statt.
Weimarer Republik: Errichtung des Neubaus und Namensgebung Dr. Richard Oehlert (1922-1930): In den Jahren 1922 und 1923 schreitet die wirtschaftliche und politische Zerrüttung fort. Die Inflation fordert einschneidende Sparmaßnahmen an der Schule. Im Februar 1923 wird der Verein der Freunde und Förderer gegründet; er stellt sich der Aufgabe, die Schule in ideeller und materieller Hinsicht zu fördern. Wegen der wachsenden Schülerzahl werden Ostern 1923 erstmals zwei Sexten eingerichtet. Ostern 1924 wird die Koedukation eingeführt. Die Schülerzahl steigt 1924/25 auf 375, 1925/26 auf 405, 1926/27 auf 525, 1927/28 auf 613 Jungen und Mädchen. Nach Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Lage verbessert sich die schulische Situation. Als Vorläufer der Arbeitsgemeinschaften wird wahlfreier Unterricht angeboten. Im Rahmen der Schulgemeinde finden Schüleraktivitäten statt; das Präfektensystem wird eingeführt. Anschauung und Erlebnis werden durch Wanderungen und mehrtägige Fahrten gefördert. Die Obertertien gehen auf die Wegscheide. Seit 1925 werden die Richertschen "Richtlinien für höhere Schulen Preußens" in den Konferenzen diskutiert; erstrebt wird eine Konzentration des Unterrichts im Sinne organischen Zusammenwirkens der Fächer. Am 15. Juni 1925 erhält die Eschersheimer Oberrealschule den Nahmen "Ziehen-Oberrealschule zu Frankfurt am Main- Eschersheim". Damit wird das Andenken an Dr. Julius Ziehen (1864-1925) in Ehren gehalten; als Stadtrat hatte er sich seit 1908 große Verdienste um das Frankfurter Schul- und Kulturleben erworben; als Professor war er seit 1916 Inhaber des ersten Lehrstuhls für Pädagogik an der jungen Frankfurter Universität. 1926 wird die Schule als große Vollanstalt anerkannt. Im gleichen Jahr wird der Ostflügel vollendet und die ärgste Raumnot behoben. 1928 wird ein reformgymnasialer Zweig eingerichtet und das Fach Latein als Pflichtfremdsprache ab Klasse Zehn eingeführt. Im Januar 1930 wird Direktor Dr. Oehlert an eine andere Anstalt versetzt. Während des Interregnums leitet Oberstudienrat Max Huth die Schule.

 

Zweiter Weltkrieg: Faschismus, Einberufung und Besatzung Dr. Gustav Schad (1931-1945): Infolge der Wirtschaftskrise greifen erneute Sparmaßnahmen. Im Rahmen der Notverordnung werden Lehrer abgezogen. Eltern können das Schulgeld nicht mehr aufbringen; die Stadt kürzt die Zahl der Freistellen; die Schülerzahl sinkt. Seit der Machtausübung der Nationalsozialisten 1933 stören schwere Eingriffe in das Schulleben, vor allem durch Anwendung der "Arierbestimmungen" und das erzwungene Ausseiden jüdischer Schüler. Verordnete Gedenktage, Feierstunden und Radio-Gemeinschaftsempfänge überfluten den Schulalltag. Seit dem 31. Januar 1934 ist vor jeder Unterrichtsstunde der "deutsche Gruß" zu entbieten. Vor allem im Fach Biologie dringen sogenannte völkische Vorstellungen von Erblehre und Rassenkunde ein. Die "Wehrerziehung" wirkt sich in fast allen Fächern bei der Auswahl von Lerninhalten aus. Eine Gruppe an der Schule übt das Kleinkaliberschießen. Die Schulgemeinde wird der Aufsicht der Partei unterstellt. Die Schülermitverwaltung wird auf reine Ordnungsmaßnahmen beschränkt. Von 1934 bis 1936 tritt für die vier unteren Klassen an Samstagen an die Stelle von Unterricht der "Staatsjugendtag". 1935 wird die Koedukation aufgehoben und ein Lyzeum für Mädchen gegründet. 1937 wird die "Ziehen-Oberrealschule mit Reformrealgymnasium und Lyzeum" in eine achtjährige Oberschule für Jungen bzw. Oberschule für Mädchen umgewandelt und ist damit gleichgeschaltet. Im Krieg wird das Gebäude zwar beschädigt aber nicht zerstört. Nach und nach ziehen Kriegsämter ein; die Turnhalle wird für Obdachlose beschlagnahmt; nach der Zerstörung von Oper und Schauspielhaus spielen die Städtischen Bühnen in der Aula. Die Oberklassen werden durch Einberufungen dezimiert oder rücken geschlossen als Luftwaffenhelfer ein. Die Mittelklassen müssen sich an anderen Kriegsdienstleistungen beteiligen. 1944 werden die Klassen 5 bis 8 nach Büdingen evakuiert; die Leitung dieser Teilschule hat Oberstudienrat Hans Untereiner. Mit der Besetzung Frankfurts und Büdingens durch amerikanische Truppen wird der Unterricht eingestellt. Das Gebäude wird im März 1945 von den Amerikanern beschlagnahmt und erst zwei Jahre später wieder freigegeben.

 

Nachkriegszeit: materieller Notstand, besseres Klima und wachsende Schülerzahlen Dr. Karl König (1945-1954): Am 28. Dezember 1945 wird die Erlaubnis zur Wiederaufnahme des Unterrichts erteilt. Im Januar 1946 beginnt der Unterricht mit Obersekunda, Unterprima, einem halbjährigen und einem einjährigen Reifelehrgang; nach und nach folgen die übrigen Klassen. Es herrschen trostlose Arbeitsbedingungen: Schüler und Lehrer sind in Schichtunterricht und in teilzerstörten Räumen der Ludwig-Richter-Schule zusammengepfercht. 1947 kann man ins alte Gebäude zurückkehren, doch es fehlt an Möbeln und Gerät; das Schulhaus ist verwahrlost. Nach der Währungsreform 1948 bessern sich die äußeren Umstände; die Schule gewinnt wieder Profil. 1949 wird auch die Koedukation wieder eingeführt. 1952 gabelt sich die Oberstufe in einen mathematisch-naturwissenschaftlichen und in einen sprachlichen Zweig. Wanderungen und Studienfahrten beginnen wieder und auch Schülermitverwaltung, Präfektensystem und die Schulgemeinde mit zahlreichen Aktivitäten werden neu eingerichtet. Im November 1953 wird das 40jährige Bestehen der Schule gefeiert. Durch die wachsende Schülerzahl von 746 im Schuljahr 1946/47 auf 1281 im Schuljahr 1953/54 herrschen erneut Raumprobleme.

 

Dr. Rudolf Henss (1954-1971): Er übernimmt 1292 Schüler und Schülerinnen, unterrichtet von 58 Lehrern in 31 Klassen. Weitere Schüleraktivitäten werden gefördert: Schülerlotsendienst, Lehrgänge des Jugend-Rotkreuzes, Filmvorstellungen. Ausbau der Schülermitverwaltung, des Präfektensystems und der Schulgemeinde; Sammlung für Ostzonenhilfe, Hilfswerk Berlin, Müttergenesungswerk und Altenheime; Krankenhausdienst für Mädchen. Ab 1959 wird Realschüler in die Oberstufe aufgenommen und die Ziehenschule als Gymnasium von besonderer Bedeutung anerkannt. Der Schichtunterricht endet und acht Klassen werden in die Schule am Weißen Stein ausgelagert. Ab 1960 tritt ein förderstufenähnlicher Lenkungsplan für die Jahrgangsstufen 5 und 6 in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Richter-Schule in Kraft. Neben dem Pflichtunterricht herrscht ein reiches Angebot an Arbeitsgemeinschaften, insbesondere Orchester und Chor, Laienspiel und Kabarett, Hauswirtschaften und Werken, Förderung des Sports; Zusammenarbeit mit dem Schulsportverein "Concordia". Die Schülerzeitung "beobachter", 1954 gegründet erreicht ein bemerkenswertes Niveau und erscheint 1962 mit 3000 Exemplaren. Zur 50-Jahrfeier wird 1963 eine Festschrift herausgegeben. 1962/63 werden 1100 Schüler von 73 Lehrern in 38 Klassen unterrichtet. 1966/67 sind zwei Kurzschuljahre, damit der Schuljahresbeginn auf den 1. August gelegt wird. 1967 beginnt der Schüleraustausch mit dem Lycèe Pilote in Sèvres. 1970 wird Russisch als zweite Fremdsprache eingeführt. Die seit langem bestehenden Raumnöte und Auslagerungen von Klassen in Dependancen 1969/72 mit der Errichtung des Neubaus und der umgestaltenden Renovierungen des Altbaus ihr Ende; jedoch müssen noch 11 Barackenräume genutzt werden. Ende des Jahrzehnts beginnen engagierte Diskussionen um ein neues Schulmodell, das den Konflikt als konstitutiv betrachtet. 1968 greifen Unruhen im Universitätsbereich auch auf die Ziehenschule über. Im November 1968 läst sich die Schülermitversammlung (SMV) selber auf. Durch Störungen bei der Reifeprüfung 1969 ist das Lehrerkollegium verunsichert. 1970 konstituiert sich die SV (Schülervertretung), und die Oberstufenreform beginnt: ab 1970 werden Deutsch und Religion, ab 1971 Gemeinschaftskunde und Englisch in Kursen unterrichtet; die Kopfnoten in Mittel- und Unterstufe werden abgeschafft.

 

"Neuzeit": sprachliches Profil, Schülerinitiativen und gymnasiale Oberstufe Dr. Helmut Mann (1971-1986): Die inneren Spannungen an der Schule dauern zunächst fort. 1973/74 entsteht durch das Auftreten mehrerer Tuberkulosefälle Unruhe. 1974 wird ein deutsch-französischer Zweig (section bilingue) eingeführt. Zwischen Schülervertretung und Schulleitung beginnt eine Zusammenarbeit: An der Schule werden zwei Schüleraufenthaltsräume eingerichtet und von der SV verwaltet; die Unterstufenklassen werden von Mentoren betreut. 1976 werden seit 1968 wieder die ersten Abiturienten entlassen. Im Rahmen der neugestalteten gymnasialen Oberstufe tritt 1976/77 das Kurssystem in Kraft. Das sprachliche Profil der Schule gewinnt zunehmend an Bedeutung: 1977 Ausbau des Schüleraustauschs: das Lycèe Guist'hau in Nantes wird zweite französische Partnerschule neben dem Lycèe Pilote in Sèvres; Russisch wird trotz Gefährdung als zweite Fremdsprache beibehalten, Spanisch als neue Fremdsprache ab Jahrgangsstufe 11 eingerichtet. Die Tradition der großen Chor- und Orchesterkonzerte wird weitergeführt. Seit 1977 finden wieder jährliche Schulfeste statt und das Schultheater wird mit bedeutenden Aufführungen wieder aufgenommen; eine Pantomimegruppe wird gegründet. Auch regelmäßige Ausstellungen der Foto-AG und politische Veranstaltungen der SV gehören zum Schulalltag. 1978 wird ein Bolzplatz errichtet. 1981/82 wird mit 1619 Schülern, davon 828 Mädchen ein Höchststand erreicht. In Zusammenarbeit mit der Ludwig-Richter-Schule wird seit 1982 Frühfranzösisch ab Klasse 3 angeboten. 1983 hat die Ziehenschule ihre 70-Jahrfeier. 1984 werden die Kopfnoten wieder eingeführt. Der Antrag auf Errichtung des Erweiterungsbaus wird 1985 unter Hinweis auf die Einführung der obligatorischen Förderstufe abgelehnt. 1986 besucht der französische Botschafter Morizet unsere Schule. Im gleichen Jahr werden auch drei naturwissenschaftliche Räume im Erdgeschoß des Altbaus fertiggestellt. Durch Elterinitiative wird ein Schülerarbeitsraum mit Präsenzbibliothek eingerichtet. Im Jahr 1985/86 besuchen 1440 Schülerinnen und Schüler die Ziehenschule.

 

Günther Brill (1987-2001)

 

Manfred Eichenauer (ab 2001)